Köche im Hospiz

Das letzte Mahl

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Zufriedenheit und Demut

Mitten in einer schönen Lage von Esslingen bei Stuttgart hat Jörg Ilzhöfer eine angesehene und gut laufende Kochschule. Für sein Unternehmenskonzept erhielt er den 1. Platz beim Gründerpreiswettbewerb des Landes Baden-Württemberg, wurde wenig später als „Top-10-Unternehmen 2014“ ausgezeichnet und gehört damit zu den zehn besten Betrieben im Ländle. Er arbeitet sieben Tage die Woche, kocht mittags für 60 bis 120 Gäste, denn seine Kochschule funktioniert auch ein bisschen wie ein Restaurant, und abends bringt er seinen Kursteilnehmern bei, wie sie sich selbst am Herd bewähren können. Man lernt Jörg Ilzhöfer vom ersten Moment an als einen humorvollen, aufgeschlossenen und kommunikativen Menschen kennen, von dem vor allem eine Botschaft ausgeht: „Ich stehe mitten im Leben, ich lebe gern.“ Er ist jemand, an den man sich in schweren Momenten wenden würde, weil er einen mit seiner lebensbejahenden Art aufbauen könnte, so jedenfalls teilt er sich we sensmäßig mit. Deshalb ist man vielleicht gar nicht überrascht zu erfahren, dass er eine Brücke in ein Umfeld geschlagen hat, das mit seinem von Krankheit und Tod geprägten Charakter im völligen Gegensatz zu seiner sonstigen Situation steht. Jörg Ilzhöfer kocht auch für das Hospiz Esslingen, und geht, wenn es die Umstände so verlangen, täglich über diese Brücke.

Es hatte sich einfach so ergeben. Eine Mitarbeiterin, die gleichzeitig in dem Hospiz tätig war, kam eines Abends etwas deprimiert zum Dienst. Was denn los sei, wollte er wissen. Da erzählte sie ihm die Geschichte von einem der Gäste, wie die Bewohner des Hospizes genannt werden, der noch einmal den Duft von Rostbraten mit Röstzwiebeln in der Nase haben wollte. Davon fühlte Jörg Ilzhöfer sich direkt angesprochen – wer, wenn nicht er als versierter Profikoch, hätte diesen Wunsch auf die Schnelle erfüllen können? „Leider haben wir das in diesem Fall zeitlich nicht mehr hinbekommen“, erzählt er, der betreffende Gast starb innerhalb kürzester Zeit.

Mit Hospizen, die man im allgemeinen kaum wahrnimmt, weil sie kein großes Aufsehen um sich machen, hatte er bis dahin nichts zu tun gehabt. Doch die Geschichte mit dem Rostbraten hatte – unabhängig von ihrem Ausgang – etwas in ihm bewegt. In einem offiziellen Schreiben bot er der Hospizleitung wenig später an, den Gästen „letzte Wünsche kulinarischer Art“ zu erfüllen. In dieser Einrichtung, die das tägliche Essen von einer Pflegeheimküche bezieht, war man darüber hocherfreut und nahm seine Dienste bereitwillig an. „Für mich entstanden daraus keine Kompliziertheiten oder schwere Belastungen. Ich koche ohnehin den ganzen Tag, und innerhalb einer halben Stunde kann man das Essen im Auto schnell hinbringen. Anruf genügt.“ Und als Ehrenamtlicher brachte er sich ein, also unentgeltlich auch ohne Erstattung der Wareneinsatzkosten, „das war Teil meines Angebots.“

Im Allgemeinen hat er zu dem Gast, für den er meist spontan etwas kochen soll, vorher keinen Kontakt. Er lernt ihn erst dann kennen, wenn er das Wunschgericht selbst zu ihm bringt. Er fährt übrigens selten nur ein einzelnes Essen zum Hospiz, sondern immer auch Portionen für die sieben anderen Gäste – im Übrigen ebenso für die anwesenden Mitarbeiter der Einrichtung. Die ihm dadurch entstehenden Kosten sind ihm erklärtermaßen keine Diskussion wert, „wenn ich das Geld für den Wareneinsatz zusätzlich auf meinem Konto hätte, wäre ich auch nicht glücklicher.“

Im Gespräch mit dem Gast, der sich das jeweilige Gericht gewünscht hat, erfährt er dann nicht nur Persönliches über diesen Menschen, sondern auch, ob er dessen Geschmack getroffen hat. „Ich muss natürlich so kochen, wie es die jeweilige Generation gewohnt ist, also beispielsweise die Saucen nicht à la moderne mit Eigelb binden, sondern erst eine ordentliche Mehlschwitze herstellen.“ Die Gäste würden ihn schon danach fragen, ob er das Essen denn auch genau so zubereitet habe, wie es, so die oft gehörte Formulierung, „früher meine Oma gemacht hat“.

Die Bereitschaft für sein soziales Engagement, war, ohne dass sie zunächst auffällig in Erscheinung trat, offenbar schon vor zwanzig Jahren in ihm angelegt worden. Er hatte seine Mutter in den letzten 14 Tagen ihres Lebens zu Hause mitgepflegt und versorgt. „Sie hatte manchmal spezielle Wünsche, wollte etwa einen Schluck Bier oder Most. Manchmal war es ein kleiner Bissen Brot mit Leberwurst, der meine Mutter glücklich machte.“ Es sei ihr in der damaligen Situation kaum noch ums Essen gegangen, sie habe vielmehr „Geschmacksproben“ haben wollen, um damit vielleicht Erinnerungen wachzurufen oder ein Wohlbehagen zu erzeugen. „Da wurde mir bewusst, dass das für Menschen kurz vor ihrem Tod sehr wichtig sein kann.“

Der Umgang mit den Sterbenden blieb bei ihm nicht ohne Spuren. „Er hat eine erdende Wirkung. Man blickt der Endlichkeit ins Gesicht“, sagt er. „Ich überlege manchmal, ob ich die Schwerpunkte in meinem Leben anders setzen soll. Ob ich mir für bestimmte Dinge mehr Zeit oder auch weniger nehmen sollte.“ Auf jeden Fall gebe ihm sein Einsatz für Sterbende „eine gewisse Form von Zufriedenheit und Demut.“ Er sei der klassische Protestant, merkt er an. „Ich hoffe, dass es nach dem Lebensende irgendwo irgendwann noch etwas geben wird.“ Wie das aussehen könnte, weiß er schon recht konkret: „Ich sehe mich auf einer Wolke. Aber sie müsste eine Sitzheizung haben. Einen kalten Hintern will ich nicht.“